Ächzen im Gebälk

Das ewige Eis bildet sich mehrheitlich zurück, mit Eis zusammengeklebte Felsriegel werden plötzlich lose und brechen irgendwann in sich zusammen. So auch von mir gehört und beobachtet.
Mein bevorzugtes Suchgebiet ist wie bei vielen anderen Strahlern der Gletscherrand. Am Fuss des Scheuchzerhorns passierte ich den oberen, steilen Gletscherrand mit meinen spitzzackigen Gehhilfen an den schweren Schuhen. In regelmässigen Abständen hörte ich ein Ächzten, Raunen oder Knacken, genau an der Stelle im Eis auf der ein Felsturm aus fast losen, stehenden Blöcken aufgebaut war und nur an der dahinterliegenden Wand anlehnte. Uuups, das war mir gar nicht geheuer. Ich umging den Gletscherabschnitt grossräumig, mein Bauchgefühl wollte den direkten Weg nicht zulassen.
In der kommenden Nacht wurde mein sowieso leichter Gebirgsschlaf durch ein gröberes Grollen und Donner aus der Richtung des knarrenden Gebälkes unterbrochen. Sehen konnte ich natürlich nichts, in den Bergen ist es auch dunkel in der Nacht. Bei Tagesanbruch staunte ich nicht schlecht: der gesamte, etwa 50 Meter hohe Turm fehlte. Auf dem Gletscher sah man deutlich neue Spuren von Felsschlag und das frische Blockfeld unterhalb des Eises bestätigte meine Vermutung. Was lehre ich daraus? Folge deinem Bauchgefühl, vielleicht kann es dich vor Schlimmerem Bewahren.
Übrigens hatte ich es 1997 genau diesem Bauchgefühl zu verdanken, dass ich meine erste, wunderschöne Rauchquarzkluft entdecken durfte.