Nochmals Oberaar

Wer Farbenpracht, Stille, vielleicht Einsamkeit und klare Sicht liebt muss im Spätherbst die Natur geniessen. Natürlich motivierten mich für diese Tour nicht hauptsächlich die Farben der Natur, sondern die Kristalle. In der Oberaar fällt vielmals nicht so viel Schnee wie in anderen Regionen des Oberhasli wenn’s von Norden her den ersten Schnee gibt. Die Südseite des Tales schneeweiss, die Nordseite mit Zinggenstock und Brünberg fast bis auf 3000müM aper. Sehr früh aufgebrochen konnte ich die Stirnlampe erst nach einer halben Stunde Gletschermarsch ausschalten. Das ewige Eis war leicht schneebedeckt, aber ohne Eisen sehr gut zu begehen. Die Sonne kam nicht mehr hinter dem Zinggenstock hervor wie im Sommer. Ihr Weg begann viel weiter südlich, ihre Strahlen waren flacher.  Immer wieder eine Augenweide, wie die ersten Sonnenstrahlen das Oberaar- und Scheuchzerhorn rot erleuchteten. Trotz Sonne zog ich meine Handschuhe den ganzen Tag fast nie aus.

Die Veränderungen am Gletscherrand waren wie immer faszinierend: Wo sich letztmals Spalten zwischen Berg und Eis auftaten lag der Gletscher nun am Felsen, wo vorher Eis war lagen plötzlich Felsflanken frei die noch niemand vorher gesehen hatte. So auch an einer Stelle, an der ich vor Jahren gegrübelt hatte, damals zwischen Gletscher und Felsplatte. Heute lag der Gletscher etwa 5 Meter tiefer als damals. Unterhalb der damaligen Grübelstelle zeigten sich wieder interessante Felsformen und Quarzbänder, mittendrin eine Öffnung. Ich beschloss, auf dem Rückweg dort vorbeizuschauen. Meine Beine führten mich bis auf 3200 müM, nur an Schattenstellen war der Neuschnee der vorderen Woche noch pulvrig und musste gewatet werden. An den Sonnenhängen lag er bruchharstig und nur etwa 10 cm hoch. Auf den Felsen war er gar ganz weggeschmolzen. Auf dem Hochpunkt meiner Reise grübelte ich einige, nicht allzu schöne, daumengrosse Zapfen aus einem Band, dann machte ich mich auf den Abstieg. In meinem Kopf grübelte es: Warum sollte ich eigentlich keine Kristalle mehr finden? Schon Jahre wartete ich nun auf einen eigenen Fund, aber abgesehen von Mitbringseln konnte ich seit 2012 keine Kristalle aus einer wirklichen Kluft mehr finden. Warum gerade ich? Was hatte ich falsch gemacht? Janu, das muss wohl so sein, dann halt im nächsten Jahr.


An der ehemaligen Grübelstelle angekommen stieg ich zuerst nur mit einem Grübel bewaffnet die paar Meter hinunter. Ausser einigen kleineren Spitzen und Kluftsteinen kam nichts Sehenswertes aus der nach links unten fallenden Öffnung im Fels hervor. Auf dieser Seite der Öffnung sah der Fels aus wie aus Würfeln geschaffen, vielleicht liessen sich diese herausspitzen. Hinauf zum Rucksack, mit Fäustel und Spitzeinen wieder hinunter und dem Fels an den Kragen gerückt liessen sich einige Steine sehr leicht wegnehmen. Kein schlechtes Zeichen. An den Deckensteinen waren keine Mineralien, also gab es keine oder waren diese alle in die Kluft gefallen. Mit der Hand hinein, spüren, staunen, die Mundwinkel nach oben: Mit dem ersten Griff eine Handvoll Dreck mit Spitzen bis 4 cm. Aus dem Dreck aussortiert wieder eine Hand voll und wieder und wieder….. Mit dem Grübel weiter hinten dasselbe Spiel, bis das Gespür am Strahlstock einen Stein spürte, der lose war, jedoch zwischen Boden und Decke verklemmte. Mit dem Arm bis über den  Ellenbogen in der Kluft fühlte ich einen Kristallbesetzten Stein, also galt es mit grösster Vorsicht ans Werk zu gehen. Wieder mit dem Grübel versuchte ich, vor dem klemmenden Stück am Boden Platz zu schaffen. Nach einigen Dreh-, Schieb-, Wende- und wieder Zurückmanövern gelang es mir das Stück ans Tageslicht zu befördern. Was? Ich und dieses Jahr nichts finden? Musste ich tatsächlich fast verzweifeln, mit mir selber hadern und eine missmutige Durststrecke überwinden bis wieder einmal ein lauter Jauchzer einen schönen Fund bezeugen durfte? Tatsächlich war das so. Meine Freude war riesig. Alle erfolglosen Tage schienen Vergangenheit, mein Herz lachte und ein zweiter Jauchzer erfüllte die Luft. (Da ich an diesem Tag scheinbar Mutter Seelen alleine in der Oberaar war hörte diese Jauchzer niemand, aber das machte nichts, die waren ja für mich und machten meiner Freude Luft.) Zwar waren Spitzen im Lehmknollen zu erkennen, ob das Stück einen Platz in meiner Sammlervitrine erobern würde konnte ich noch nicht erkennen. Aber wenigstens einmal etwas sicher nicht gerade Wüstes im Rucksack, dazu viele einzelne Spitzen. Ein zweites Mal nach oben klettern um den Rucksack zu holen in dem sich das Packmaterial befand. Die Stelle wurde angeschrieben und ein Werkzeug in der Kluft hinterlassen. Also hüte dich, Strahlerkollege! Alle Kristalle sorgfältig eingepackt, das handgrosse Musterstück besonders, alles in den Rucksack packen und wieder nach oben wo es neben einem kleinen Bächlein zum Wasser nachfüllen einen prima Sitzplatz hatte. Wie diese Schokolade heute schmeckte, wie die Landschaft wunderbar aussah, wie grosse Freude ich am Leben hatte.

Auf dem Rückweg schien die Herbstsonne wunderbar wärmend, die Handschuhe konnten doch noch im Rucksack verstaut werden und meine Schuhe trugen mich fast fliegend der Staumauer zu. Am Marschziel angekommen begegnete ich einer Radfahrerin und ihrem Radfahrer Gefährten. Na ja, Elektrobike fahren, das kann ja jeder. Ah ja, aus dem Flachland, gesetzteres Alter, im Wallis in den Ferien, bis in die Oberaar mit dem Bike. Doch eine Leistung. Ein Wort ergab das Andere. Die Namen der Berge, Radfahren, Kristalle sammeln. Natürlich konnte ich mir nicht verkneifen, das Musterstück auszupacken und den freundlichen Radfahrern zu zeigen. Selber keine Ahnung von Strahlerei, dennoch hell begeistert von dem, was die karge Natur in der Oberaar zu bieten hat. Natürlich schenke ich dem Paar einen einzelnen Kristall, ich hatte ja noch genug im Rucksack. „Ein Bild des Musterstücks können Sie dann auf meiner Webseite anschauen“, plagierte ich. Unsere Wege trennten sich, die farbenfrohe Landschaft wurde noch einmal geknipst und der nach Hause weg unter die Räder genommen.

Fortsetzung folgt....


Vor der Reinigung


Und nun? Vitrinenstück oder nicht? Nach der Reinigung ist die Freude über den Fund nicht minder gross als beim Herausgrübeln.


Nach der Reinigung