Gärstengletscher 2015

Der Gärstengletscher wird wie fast alle alpinen Zeugen der kälteren Zyklen immer kleiner. Auch dieses Jahr kommen die Eisflächen relativ früh aus den schneebedeckten Feldern zum Vorschein. Also höchste Zeit, wieder einmal einige verheissungsvolle Stellen aufzusuchen.

Wie immer frühmorgens aufgebrochen bin ich, unten am Gletscher angelangt, sehr überrascht wie viel der Gletscher an Volumen und an Fläche verloren hat: Die Stelle, die vor zwei Jahren am Gletscherrand lag ist heute kaum mehr zu finden, eben weil man sich nicht mehr am Gletscher orientieren kann. Bei der Rast am mittleren Gärstanhorn betrachte ich die gegenüberliegenden Berner Berge im der Morgensonne. Was gibt es schöneres als in den Bergen zu sein, die Ruhe zu geniessen und unerwarteten Besuch zu bekommen: Zwei Steinböcke zeigen sich eher interessiert am zweibeinigen Gast als scheu. Sie lassen sich beim Fressen der kargen Grasbüschel zwischen den Felsen kaum stören. Eigentlich bin eher ich der, welcher eine gehörige Portion Respekt vor diesen zwei Gesellen hat als einer der beiden etwa bis auf acht Meter auf mich zukommt und mit seiner Pose sagt: Hey, hier ist unser Revier, halt dich gefälligst zurück und verschwinde aus unserem Gebiet, sonst kann’s ungemütlich werden. Ich sehe ein, dass mein Gegenüber Recht hat und kraxle über grosse Steine und loses Geröll meinem Ziel entgegen….

Gewaltig sind die Veränderungen  an der Stelle, die eigentlich mein Ziel war: Der Gletscher ist auch an dieser Stelle zurückgegangen und grosse Felsblöcke scheinen nur noch wenig im Eis eingefroren zu sein. Eine Frage der Zeit, bis es dort gewaltig rumpeln wird. Strahlen an dieser Stelle ist zur Zeit nur für Lebensmüde sinnvoll. Ja dann halt nicht, vielleicht klappt’s ja heute noch anderswo.

Ich beschliesse, auf den Grat zu steigen und auf Walliser Seite mein Glück zu versuchen. Gesagt, getan. Im Wallis auf dem ewigen Eis angekommen fällt mir die Orientierung schwer. Erst nach einiger Zeit stelle ich fest: Eine Stelle an der ich vor rund zehn Jahre fündig war ist heute vom Schnee bedeckt. Damals musste ich einige Meter hochklettern. Verkehrte Welt gegenüber der Berner Seite. Zudem bietet der reichlich mit Schnee bedeckte Gletscher sehr viele Möglichkeiten, in eine der unsichtbaren Gletscherspalten zu stürzen und für ewig zu verschwinden. Und das muss nicht sein. Nach einem „Kurzaufenthalt“ im Wallis sehe ich mich wieder im Kanton Bern, wage noch einen Blick in die Nordseite des Tafelgrätli und entschliesse mich, zeitig ins Tal hinunter zu steigen.