Scheuchzerhorn 2014

Die Oberaar zog mich im 2014 ganz besonders in ihren Bann: Schon die frühmorgendliche Fahrt entlang der Oberaarstrasse, dann der Blick ins Joch und über den See zum Gletscher. Für Bergfreunde einfach nur schön. Über die Staumauer und dem See entlang ist eine flotte Strecke zum Einlaufen, bevor es dann nicht allzu steil, aber immer bergan geht. Löffelhorn, Grunerhorn, Scheuchzer- oder Oberaargletscher; die Aufzählung faszinierender Berge und Orte kann nicht abschliessend sein. Wenn die Sonne am Oberaarhorn ihre scheinbar goldenen, warmen Strahlen am Morgen anscheinen lässt kann sich auch ein Strahlerherz des Anblicks kaum verschliessen. Der Blick über den Gletscher zurück lässt den Parkplatz und das Berghaus noch im Halbdunkeln schlafen.

An diesem Tag war der Grunergletscher das Tagesziel. Einmal kurz vor einem Freudenschrei, dann wieder nüchterne Realität: Der Tag sollte nicht der Meine sein, nur wenige Stellen konnten meinen Grübel aus dem Rucksack locken und noch weniger Kristalle erblickten beim Grübeln das Tageslicht. Also konnten mein Kamerad und ich am Abend trotz erfolglosem Tag in unsere Schlafsäcke schlüpfen und dem Wechselspiel der Wolken zuschauen. Schneegestöber war etwas vom Letzten, was ich durch die Öffnung unserer Schlafstelle draussen sah.


Der Morgen liess und guten Mutes erwachen, was nicht etwa heisst, dass die Nacht in der Kluft auf dem holprigen Untergrund durchgeschlafen werden konnte. Das Wetter schien es gut mit uns zu meinen, trotz einigen Wolken konnte man den Willen der Sonne erkennen, sich in Szene zu setzen. Und wie es so ist, ich kann meine Beine nicht lange still halten. Kaum waren einige Bissen im Magen gelandet, machten wir einen Treffpunkt und Zeit ab, wo und wann wir uns zum Abstieg treffen sollten.

Eigentlich wollten wir beide auf das Scheuchzerhorn steigen. Dass man gerade dort über Strahlen stolpern sollt schien nicht logisch, ist doch dieser Berg bis aufs letzte abgesucht. Vielmehr hatten wir nicht den Aufstieg von der Oberaar in den Beinen und somit schienen uns die paar hundert Höhenmeter bis zum Gipfel absolut machbar. Nach dem Packen des Schlafsacks, Matte und übrige Utensilien machte ich mich durch eine scheinbar einfache Route auf die Socken dem Gipfel entgegen. Kaum losmarschiert, wurde kurz ich von Nebelschwaden umhüllt die sich sogleich wieder auflösten. Aber immer weniger auflösten. Der Nebel, Wind und die entsprechende Temperatur liessen sogleich den Fels mit einer eisigen Schicht überziehen. Jeder Schritt und Tritt musste gut überlegt werden, ein Ausrutschen könnte sonst fatale Folgen haben.

Immer noch im dichten Nebel erreichte ich ein etwa 20 Meter breites Schneeband. Zwischendurch rief ich nach meinem Strahlerkollegen. Er wollte ebenfalls das Scheuchzerhorn besteigen. Etwas später und über eine andere Route. Vielleicht würden wir uns ja doch oben treffen. Immer aufwärts, waren meine Gedanken, der Gipfel kann ja nur oberhalb sein……. Und plötzlich konnte ich nicht mehr höher steigen. Ich fand mich auf einem Grat wieder auf dessen Nordwestseite ich einen Hubschrauber im Tal hörte. Ringsum ging es nur hinunter, so jedenfalls schien es mein ungefähr 15 Meter reichende Rundblick im Nebel zu bestätigen. Ich war also oben auf dem Scheuchzerhorn und hatte keine Ahnung, ob ich wirklich oben war. Einen einzigen Lichtblick mochte mir der Nebel gönnen, kurz lugte das Finsteraarhorn zu mir herunter und verschwand keine Minute später wieder im Nebel.

Den Abstieg wählte ich entlang der Ostseite des Scheuchzerhorn, dem Fels entlang bis ans untere Ende des Sporns von wo aus ich wieder nach Westen traversieren konnte.

Die Moral von der Geschichte: Mein Kollege war ebenfalls auf dem Scheuchzerhorn. Er hat keine meiner Spuren gesehen. Ich habe ihn nie gesehen. Er hatte auch Nebel. Er glaubt auch, oben gewesen zu sein……

Zur abgemachten Zeit trafen wir uns unterhalb vom Biwak wieder um den Abstieg in die Oberaar in Angriff zu nehmen. Zwei weitere, unvergesslich amüsante Strahlertage mehr sind als Erinnerung in meinem Kopf präsent. Man muss nicht immer den Rucksack voll Kristalle haben um glücklich zu sein. Die positiven Erfahrungen und Erinnerungen bleiben länger im Kopf als die Gedanken an den leichten Rucksack.