Wenn ein Anderer anschreibt...

Etwas mehr als daumengross...
Etwas mehr als daumengross...

„Das Belegen einer Fundstelle zur Weiterverarbeitung hat durch gut sichtbares Hinterlegen eines Strahlerwerkzeuges und durch das Anbringen eines witterungsbeständigen Schildes mit Namen, Adresse und Datum der Erstbelegung zu erfolgen.“ So lautet der Text des Ehrenkodex der schweizerischen Vereinigung der Strahler, Mineralien- und Fossiliensammler. Hierzulande begnügt man sich grundsätzlich mit dem Anschreiben der Initialen und der Jahrzahl sowie dem Hinterlegen eines Strahlerwerkzeuges. Ein zweiter Finder sollte diese Stelle tunlichst meiden was das Besitz ergreifen von Mineralien betrifft. Nicht alle Zeitgenossen halten sich an diesen Ehrenkodex, so auch geschehen an einem im Spätherbst 2010 gefundenen Ort. Die Anzeichen einer Kristallkuft waren am Gletscherrand nur vage zu erkennen, wenn aber mehrere, gut daumengrosse Spitzen in kluftartigem Dreck im Quarzband liegen darf dies wohl als Fundstelle bezeichnet werden. Der baldige Wintereinbruch liess ein erneutes Aufsuchen der Stelle nicht mehr zu.

Die Spannung beim ersten Auskundschaften der Stelle in diesem Jahr wich dann auch sogleich einer wutähnlichen Stimmung, in der ich die mit rotem Markierspray angebrachten Buchstaben PB 07.11 zu deuten versuchte. 07.11 hinterliess der Sprayer als Finderdatum Juli 2011, aber mit PB konnte ich wirklich nichts anfangen. Tatsächlich hatte sich ein „Kollege“ in Meiner Fundstelle eingenistet. Allerdings gehe ich davon aus, dass er beim finden des Quarzbandes gleich zur Spraydose gegriffen hat, so dass ein umsichtiges Sondieren nach eventuellen Vorgängern auf der Strecke geblieben ist. Auch der Umstand, dass seine Markierung schon im Juli geschah lässt vermuten, dass mein noch an der Stelle liegendes Werkzeug von Winterschnee noch zugedeckt war.

Tage später, der Gedanke an den Nestbeschmutzer immer im Kopf, liessen mich die roten Initialen an einen Strahler zurückdenken den ich letztes Jahr kennengelernt hatte. Sein Name war Hanspeter B (oder auch nicht). Konnte PB nicht auch Hanspeter B. bedeuten? Unsere Begegnung, der Austausch von Telefonnummern, etliche Gespräche und die gemeinsame Begeisterung für Kristalle; ein klärender Telefonanruf sollte Gewissheit bringen. Gesagt getan und Hanspeter war nach kurzem Lagebeschrieb vollumfänglich geständig. Wie schon vermutet schrieb er die Fundstelle im Unwissen eines anderen Finders an. Nicht lange und wir waren uns über die Besitzverhältnisse einig und philosophierten über unsere gemeinsame Freizeitbeschäftigung. Beiden ist es lieber die Stellen des Kollegen zu augapfeln und zu melden wenn sich fremde Individuen daran vergreifen sollten. Er mir oder ich ihm Kristalle zu entwenden ist nicht in unseren Sinne. Lieber im guten Strahlerlatein über gefundene Steine erzählen und die angeblichen Funde des Gegenübers in Gedanken in die richtigen Grössenverhältnisse setzten……

August 2011